Was sieben Journalisten zusammengetragen haben und was wirklich davon zu halten ist. (Teil 1)

Work-Life-Balance Wir fühlen uns berufen
Beruf und Berufung werden eins, die Grenze zwischen Arbeit und Privatleben löst sich auf. Was zufrieden und glücklich machen kann, birgt eine große Gefahr. von Rabea Weihser

„Zwangsläufig bringt der Mensch von morgen seine Persönlichkeit in die Berufstätigkeit ein.“ So steht es geschrieben auf Zeit Online in o.g. Artikel. Da fragte ich mich: wie denn der Mensch von gestern bis heute hat arbeiten können? Worauf eine Frau antwortet: mit gestern wäre vermutlich der Mensch gemeint, der sein Denken am Werkstor abgibt. Woraufhin ich sage: das ist ja auch eine Art Persönlichkeit. Wessen Persönlichkeitsstruktur einem das erlaubt, der bringt eben auch seine Persönlichkeit ein. Nur dass es diese Jobs angeblich in der Zukunft nicht mehr geben wird. Ich weiß nicht. Ich denke, es wird andere, jedoch ähnliche Jobs geben. Also Jobs, in denen man auch seine Persönlichkeit auf die eine oder andere Art einbringt. Je nachdem, wie die Anforderungen sind. Fließbandarbeit gibt es auch immer noch, z.B. in der Lebensmittelindustrie. In der Autoindustrie, woher man das kennt, eher weniger.

Digitale Gene

Was ich jedoch sagen wollte: die neue Generation, die so genannte Generation Y, bringt ihre Persönlichkeit auch nur so ein, wie sie geprägt ist durch die Umstände. Viele sind selbstbewusster und haben, wie das heranwachsende Generationen so an sich haben, andere Vorstellungen als die vorhergehende. Begünstigend allerdings ist, dass sie etwas auf eine Art und Weise weiß und kann, was die vorhergehende Generation so nicht weiß und kann. Zwar kann sie es lernen, jedoch hat sie es eben nicht mit der Muttermilch eingesogen: das ganze Digitale. E-Commerce, SEO, Social Media etc. Da hat sie der vorhergehenden Generation, jedenfalls dem Großteil einfach etwas voraus. Einfach. Nicht mehr und nicht weniger. Würden Unternehmen bessere Personalpolitik betreiben, wäre schon etwas geholfen. Und würden sich Menschen der vorhergehenden Generation nicht so schwer tun mit den neuen Medien. Ja, das ist der springende Punkt: man kann zwar alles lernen – aber viele der Generation X und erst recht die Angehörigen der Generation davor, tun sich schwer damit. Sie können sich sicherlich theoretisch das Rüstzeug zulegen, doch sie stellen viel mehr oder überhaupt die Sinnfrage. Und die Sinnfrage ist – auch – auf den Zettel gekommen durch die – etablierten – Medien, die diesem Social Network von Anfang an selbst sehr sehr kritisch auf die Finger geguckt haben. Vertreter der alten Medien haben mit dazu beigetragen, dass dieses kritische Bild entstanden ist und dass man sich davon hat beeindrucken lassen. Von den eigenen und von den Ängsten der Vertreter der alten Medienwelt. Das ist meine persönliche Sicht. Das ich mich habe beeindrucken – und abhalten – lassen von bestimmten Entwicklungen – ist wiederum meiner Persönlichkeitsstruktur geschuldet.

Nur die neue Generation hat das alles nicht gejuckt, geschweige denn interessiert. Sie haben das gemacht, weil es da war. Weil es selbstverständlich war. Deshalb sind sie nun wohl auch prädestiniert, Firmen, die zum einen noch nicht in den neuen Medien angekommen sind, auf die Sprünge zu helfen. Bzw. Unternehmen, die ebenfalls bereits frühzeitig aufgesprungen sind, immer bessere Konzepte zu erarbeiten. Insofern ist es eigentlich verständlich, dass sie jeder haben will, die jungen Frauen und Männer mit den digitalen Genen. Die Sache mit der verlustig gehenden Qualität könnte auch ein vorübergehendes Manko sein. Weil es ja eben doch noch in den Kinderschuhen steckt. Das kann sich auch wieder zurechtrütteln, wenn die Jungen älter werden und zu ihren digitalen Genen auch Lebenserfahrung kommt. Dass diese Lebenserfahrung sich nicht unbedingt decken wird mit unserer eigenen, liegt in der Natur der Sache. So war das, so ist es und so wird es wahrscheinlich immer sein.

Oops, Generationenwechsel!

Dass Arbeitnehmer/innen der Generationenwechsel immer selbst betrifft, wenn man die 40 überschritten hat, hätte man wissen können. Weil es eben auch schon immer so war. Aber macht man sich das beizeiten klar mit aller Konsequenz? Ich habe das nicht gemacht. Das bedeutet dann wohl, dass man entweder beizeiten sich darum kümmert sollte, was die neue Generation so macht, womit sie sich beschäftigt. Oder dass man, wenn man das mehr oder weniger versäumt hat, sich eben begnügt mit dem, was der alte Markt für einen hergibt. Oder man eben umsattelt auf einen Markt, der sich zwar auch weiterentwickelt, jedoch nicht so einem tiefgreifenden Wandel unterworfen ist. Soll ich zum Beispiel  Tramfahrerin werden statt weiterhin Web-Redakteurin zu sein?

Und wie nun weiter?

Was aber ist nun, wenn die eigene Persönlichkeit auf ständige Weiterentwicklung ausgerichtet ist? Wenn die eigene Persönlichkeit es nicht hergibt, sich mit etwas einmal Erreichtem zu begnügen. Oder sich damit zu begnügen, dass man eben nichts mehr erreichen können soll!? Oder sich damit zufrieden zu geben, mit dem, was man bisher im Gepäck hat, den Rest des Weges zu gehen? Dann muss man wohl prüfen, ob der Weg, von dem man dachte, es sei der richtige, immer noch der richtige ist. Wie man das macht? Gute Frage. Sie ist schon mal ein Anfang.

Drei Gründe, warum mich der Artikel so nicht weiterbringt:

  1. Unkonkrete Beispiele

Die erwähnte Sozialarbeiterin, die ihren Job liebt, aber auf 38 qm haust, ist vielleicht alleinlebend . Vielleicht hat sie ein Helfersyndrom. Vielleicht weiß sie auch einfach nicht, was sie sonst tun soll. (Sozialarbeiter/innen: Ich kenne eine Menge. Keine/r von ihnen lebt prekär. Ob die Bezahlung für den Job angemessen ist, ist eine andere Frage. Mir fällt auf, dass sie viel Weiterbildung machen (oft selbst finanziert). Und dass sie sehr oft über Urlaub sprechen und so oft wie möglich in Urlaub fahren. Fachfremde Zweitjobs macht niemand von ihnen.)

Die Krankenpflegerin, die bei ihrem Patienten bleibt, obwohl sie zu Hause den Haussegen gerade rücken müsste: kann sich vielleicht nicht einfach so vom Arbeitsplatz entfernen. Es könnte jedoch auch sein, dass sie konfliktscheu ist oder Konflikte nicht lösen kann. Oder sie hat eine/n Partner/in zu Hause, mit der/dem man sowieso nicht reden kann.

Der Umweltaktivist/die Umweltaktivistin lässt sich auch sonntags an die Ölplattform ketten. Weil Umweltaktivist meines Wissens kein bezahlter Job ist. Geschweige denn, geregelte Protestzeiten kennt.

Der Anwalt/die Anwältin für Menschenrechte arbeitet vor einem Prozess ohne Murren durch. Das machen Anwälte vermutlich immer (könnte aber auch ein Klischee sein). Egal ob es um Menschenrechte oder um Immobilien geht. Oder Familienrecht. Oder sonst was. Eben so, wie die Fälle kommen. Das jemand den Beruf gewählt hat, kann z.B. auch mit Prestige zusammenhängen, das einem dieser Job verspricht bzw. gibt. Und natürlich gutes Geld. In der Regel. Wer ein Jurastudium absolviert hat, ist wohl per se jemand, der viel arbeitet, eben weil er/sie es so will. Aus welchen Gründen auch immer.

Der Welt verbessernde Journalist/die Journalistin –ist vielleicht einfach ehrgeizig und will vielleicht auch sich selbst und anderen etwas beweisen. Die Berufswahl an sich kann auch was mit Geltungsdrang zu tun haben.

Fazit: Konkrete Beispiele von konkreten Menschen wären hilfreicher gewesen.

  1. Einfache Jobs

Was genau sind einfache Jobs? Ich finde, es werden einfache Jobs (Straßenkehrer/in) mit höher qualifizierten Jobs verglichen (Anwalt/Anwältin, Krankenpfleger/in). Und es werden Jobs in Amerika (Straßenkehrer) mit Jobs in Deutschland verglichen: hier BSR)

3. Schwarz/weiß bzw. Entweder/Oder-Denke

„Paradiesische Zustände, wenn Selbst und Tun zusammenfallen.“ Fürwahr: das würde ich bspw. bei Nonnen so sehen, die in Krankenhäusern sich um Kranke kümmern. Oder um andere Bedürftige. Jedoch: jemand der über die Arbeit „das Stempeln vergisst“, kann nicht im Paradies arbeiten. Im Paradies gibt es ja eben keine Stempeluhren, behaupte ich. Es sei denn, diese/r Arbeiterin/Angestellte hat das Lebensprinzip verinnerlicht, zu lieben, was ist. Ob nun von Martin Luther King geprägt oder von anderen, z.B. von Byron Katie. Wer lieben kann, was ist, ja, der oder die macht seinen Job ohne Groll, eben weil alles gleich gut ist.

Was soll Martin Luther King propagiert haben?: „ die vollkommene Entgrenzung der Arbeit zugunsten der Selbstverwirklichung im Beruf. Er fordert vom Straßenkehrer die Exzellenz eines künstlerischen Großmeisters, die absolute Hingabe zu seiner Tätigkeit, die Konzentration aufs Werk und damit einhergehende Weltabgewandtheit eines kreativen Genies.“? Was für eine eigenwillige Deutung! Schade, dass es nicht als eigenwillige Deutung gekennzeichnet ist, sondern geschrieben steht, als wäre dies die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Und wie zuvor ganz richtig klargestellt worden ist: Straßenkehrer (im angloamerikanischen Raum) ist ein Job, um den Lebensunterhalt zu verdienen. Es ist kein Beruf wie hier in Deutschland bspw., wo die Arbeit bei den Stadtreinigungsbetrieben heiß begehrt ist, wie ich schon öfters gelesen habe. Wer einmal bei der BSR ist, der will da wohl nicht mehr weg. Taugt leider nicht als Vergleich, wie ich finde.

„Das unternehmerische Postulat von Kreativität und Innovation nimmt den Mitarbeiter als Ganzen in die Pflicht und löst die Grenze zwischen seiner beruflichen und seiner privaten Person auf. Er kann und soll sich mit seiner Arbeit identifizieren, die Ziele der Firma sollen zu seinen werden.“

Wie ist das gemeint bezogen auf die im Artikel erwähnte IKEA-Kassiererin zum Beispiel? Oder auf U-Bahnwagenfahrer. Verstehe ich nicht. Außerdem steckt in dem Wörtchen „soll“ aus meiner Sicht eine (persönliche) Skepsis, ein (persönlicher) Zweifel. So wird die Behauptung „Die einfachen Jobs sterben aus“ und was damit aus Sicht der Verfasserin einhergehen wird, mit eigener Unsicherheit, resultierend aus Ungewissheit, eingefärbt. Das ist, was mir an dem Artikel nicht gefällt. Er ist im Grunde genommen negativ formuliert.

Und was ist eine „oktroyierte Illusion“? Gemeint ist vielleicht: Jemand macht mir ein A für ein O vor. Aber das ist ein alter Hut. Ich denke, es gibt viele Unternehmen mit Leitbildern. Und es gibt viele Mitarbeiter/innen, die die Leitbilder nicht kennen oder nicht in der Lage sind, sie umzusetzen (Persönlichkeitsstruktur). Es sei denn, es geht um Benimmregeln, die man einstudieren kann oder zum Beispiel Vertriebstraining. Aber eine oktroyierte Illusion? Das klingt eher nach Gehirnwäsche. In welchen Jobs genau könnte das vorkommen?

“Wer aus inneren oder äußeren Beweggründen ganz in seiner Arbeit aufgeht, dem bleibt kaum Zeit für andere Dinge. Die engagierte Krankenpflegerin opfert ihre Ehe. Der Menschenrechtsanwalt verpasst wegen des Prozesses die Einschulung seiner Tochter. Die prekäre Sozialarbeiterin erleidet einen Bandscheibenvorfall, weil sie sich in ihrem Zweitjob im Warenlager verhoben hat. Und der Journalist kommt mit dem Druck nicht mehr klar, mit dem all die geheimen Aktenordner seine Psyche beschweren. Sagt man nicht: Glück im Büro, Pech zu Hause? Work-Life-Balance bleibt Berufenen ein Fremdwort.“

Aus diesem Absatz lese ich eine ganze Reihe von Statements, die ich inneren Überzeugungen zurechne::

Wenn ich in meiner Arbeit aufgehe, bleibt mir keine Zeit für andere Dinge.

Wenn ich in meiner Arbeit aufgehe, opfere ich meine Ehe.

Wenn ich in meiner Arbeit aufgehe, verpasse ich die Einschulung meiner Tochter.

Abwandelnd könnte man auch formulieren:

Wenn ich in meiner Arbeit aufgehen soll, bleibt mir keine Zeit für andere Dinge. Usw.

Wenn ich zu viel arbeite, erleide ich einen Bandscheibenvorfall*.

Die geheimen Akten beschweren meine Psyche.

*(Bandscheibenvorfälle oder Burnout sind m.M.n. typbedingt. Die Ursache beruht meist ebenfalls auf (eigenen) inneren Überzeugungen, wie z.B. „Ich bin nicht gut genug (ich muss also mehr arbeiten). „Ich kann nicht anders“. „Ich weiß nicht, was ich (sonst) tun soll.“ „Wenn ich das nicht mache, macht es ein anderer.“ „Ich habe viel zu tun.“ „Ich habe keine Zeit.“. „Ich kann nicht kürzer treten, weil….“ Solche Gedanken verursachen Stress. Es ist nicht das Äußere. Es ist die eigene innere Überzeugung, dass die Dinge so sind, wie man glaubt, dass sie es wären.)

„Glück im Büro, Pech zu Hause“? Habe ich noch nie gehört. Vielleicht auch eine Erfahrung der Verfasserin? Jedoch nicht zu verallgemeinern. Da bin ich mir sicher.

„Die sogenannte Generation Y, die den Sinn unbefriedigender Arbeit hinterfragt, müsste sich umtaufen in Generation Z. Sie hätte ihr Ziel erreicht.“

Sie braucht sich nicht umtaufen, wie ich finde, denn wenn die Vertreter/innen der Generation Y um die vierzig sind, ist die Generation Z bereits in den Startlöchern. Und sie wird vielleicht von den Errungenschaften der vorhergehenden Generation profitieren. So wie immer.

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