Warum ich meiner Enkelin nicht nur pinke Überraschungseier kaufen werde

Gedanken zu einem Blogbeitrag von Antje Schrupp

viaGeschlechterdifferenz sucht Kultur, dringend! | Aus Liebe zur Freiheit.

Was bedeutet es, ein Mädchen zu sein? Was bedeutet es, ein Junge zu sein?

Sollte mich meine kleine, acht Monate alte Enkelin mich das eines Tages fragen, möchte ich darauf antworten können.

Was könnte ich antworten?

Das du ein Mädchen bist, bedeutet, dass du heutzutage alles machen kannst, was du willst: du kannst fast alle Jobs machen wie z. Bsp. Lokführerin oder Busfahrerin oder Bundeskanzlerin oder Aufsichtsratsvorsitzende oder Geschäftsführerin eines Unternehmens.

Du kannst Hosen, Röcke, Kleider tragen – oder was dir sonst so einfällt. Du kannst lange Haare haben oder kurze, kannst dich schminken oder es lassen. Du kannst deiner Mutter im Haushalt helfen und du kannst dich für Physik interessieren oder Chemie oder Mathematik. Du kannst im Computerchaosclub mitmachen und Codes knacken. Du kannst in der Entwicklungshilfe arbeiten oder im Pflegebereich. Du kannst traditonelle Frauenjobs machen, du kannst aber auch was anderes machen, z.B. auf dem Bau arbeiten oder Ingenieurin sein.

Du kannst dich in Jungs verlieben oder in Mädchen. Du kannst sogar später die Frau heiraten, die du liebst.

Was ich nicht sagen möchte: Du bist eine Heulsuse. / Du benimmst dich wie ein Junge / Willst du nicht lieber mit Sachen spielen, die für ein Mädchen sind. / Das schickt sich nicht für ein Mädchen … (Mal auf solche Sätze achten, mich umhören, bspw. in öffentlichen Verkehrsmitteln)

Wenn der kleine Paul fragen würde, was es bedeutet, ein Junge zu sein, würde ich antworten: Du kannst alles machen, was du willst. Du kannst dich in Mädchen verlieben oder in Jungs. Du kannst später sogar den Mann heiraten, den du liebst.

Du kannst deiner Mutter im Haushalt helfen, dich für Physik interessieren, Karriere machen und Elternzeit nehmen, wenn du Vater bist. Du kannst Kinder betreuen im Kindergarten oder auf dem Bau arbeiten. Du kannst Grundschullehrer werden oder Professor. Filmemacher oder Schauspieler oder Sozialarbeiter.

Was ich nicht sagen möchte: Ein Junge/Mann weint nicht / Benimm dich nicht wie ein Mädchen / Du siehst aus wie ein Mädchen (lange Haare, Rock o.ä. / Ein Junge spielt nicht mit Puppen … (Mal auf solche Sätze achten, mich umhören, bspw. in öffentlichen Verkehrsmitteln)

Das ist die Theorie – und die Praxis?

Das alles kann ich ihnen erzählen…aber was werden sie denken und tun, wenn ich, die ich es erzähle, in einer Mann/Frau-Partnerschaft lebe, ebenso die Mutter. Oder wenn die Mutter allein lebend / allein erziehend ist? Wenn sowohl die Mutter als auch der Vater eher in traditionellen Rollenbildern denken und leben? Wenn keine Frau im näheren Umfeld in einer höheren Position ist? Wenn keine Frau in ihrem näheren Umfeld lesbisch ist, kein Mann schwul (weil ihre Eltern und deren Freunde in Gruppen unterwegs sind, die so eben nicht sind…) Was mache ich dann mit all meinem Wissen, das mich zwar tolerant macht aber nicht zum Vorbild?

Ich habe bisher einmal hier in meinem Friedrichshainer Kiez eine junge Familie mit zwei Kindern gesehen, die mir auffielen: der Junge hatte rot lackierte Fingernägel und lange Haare, das Mädchen hatte eher Jungsklamotten an, wirkte dadurch, wie ich fand, sehr cool. Beide waren vielleicht vier Jahre alt. Ich fand es einerseits witzig, andererseits irritierend. Eben weil es so selten ist. Gerne mehr davon!

Ein anderes Beispiel, das gegenteilige, aus meiner eigenen Umgebung: die Mutter meiner acht Monate alten Enkelin hört auf der Straße: „Ach, der ist aber niedlich, der Kleine“. Sie ist etwas entrüstet, woraufhin die Urgroßmutter sich sofort hinsetzt und rosa Schleifchen an alle (neutralen, bspw. weißen) Mützen näht.

Die Buchempfehlung von Antje Schrupp: Almut Schnerring, Sascha Verlan: Die Rosa-Hellblau-Falle. Für eine Kindheit ohne Rollenklischees.

„Ein empfehlenswertes Buch, das sich zum Beispiel gut an Eltern von kleinen Kindern verschenken lässt, die im Feminismusdiskurs vielleicht nicht so aktiv drin sind.“

Ehrlich gesagt, das traue ich mich gar nicht in meinem Umfeld. Ich denke, es würde das Bild untermauern, dass ich „anders/komisch“ bin (so wurde es mir sehr oft von meiner Mutter bspw. gesagt). Es ist dann wohl eher ein Buch für aufgeklärte Eltern, die sowieso darüber nachdenken. Eigentlich wäre das Buch auch was für die Großeltern und Urgroßelterngeneration. Also für mich! Update: Damit sie eigene „symbolische Albernheiten“ in Bezug auf das Geschlecht mal überprüfen können.

„Wenn sie nun von Eltern, Lehrerinnen oder Schulbuchautoren keine Antwort auf ihre Frage, was es bedeutet, ein Junge oder ein Mädchen zu sein, bekommen – dann glauben sie halt der Werbung.“

„Man kann Kindern nichts beibringen, das von der gesellschaftlichen Realität nicht gedeckt ist. „

Wenn ich also nun meiner Enkelin erzähle, was es aus meiner Sicht bedeutet, ein Mädchen zu sein, dies jedoch von ihrer Umwelt (ihre Eltern, ihr Kiez, ihre zukünftigen Freunde/Freundinnen) – ihrer gesellschaftlichen Realität also – nicht gedeckt ist, was könnte das dann bedeuten? Das ich ihr das selbst zeigen muss/sollte? Indem ich mit ihr da hingehe, wo Leute anders leben? Wenn ich nun aber selbst nicht so lebe, wie kann ich das tun? Mir fällt ein, dass es bisher wichtig war/ist, in Bezug auf das spätere Berufsleben Auslandserfahrung zu haben. Vielleicht ist es an der Zeit, dass man Kinder alternativ in verschiedenen Milieus sich aufhalten lässt? Aber wie? Schüleraustausch nicht auf Schulebene, sondern auf Milieuebene? Freiwilliges soziales Jahr verbindlich für alle – und zwar in verschiedenen Milieus: Homosexuell, transgender, bisexuell, etc? Dabei fällt mir jetzt besonders auf, wie wichtig es ist, eben die Geschlechtervielfalt bspw. in der Schule zu behandeln – womit wir wieder beim Bildungsplan der baden-württembergischen Landesregierung wären ….Ja, es muss Schulbücher geben, Bilderbücher, Filme, Zeitschriften und vor allem: entsprechende Werbung (wenn schon, denn schon) – denn die ist es, die dominant ist im Alltagsleben, vor allem in der Großstadt – bezogen auf Plakatwerbung.

„Die Veränderung der Geschlechtsrollen muss bei den Erwachsenen anfangen. Und solange wir Erwachsenen eine zweigeschlechtliche Welt vorleben, müssen wir auch für Kinder die Frage, was Geschlecht denn nun bedeutet, beantworten. Denn es bedeutet eben faktisch was.“

„Veränderung wird es nur geben, wenn wir denjenigen Konstruktionen, die wir für falsch halten, andere entgegensetzen, die wir besser finden. Die mehr Freiheit erlauben, uns selbst und dann auch den Kindern.“

Jetzt weiß ich, was meine Aufgabe sein wird beim erwachsen werden meiner Enkelin: sie mit vielfältigen Materialien zu versorgen. Mich darum zu bemühen, ihr Spielzeug, Bücher, Zeitschriften etc. anzubieten, die nicht das Rollenklischee bedienen. Und ich werde mich mit Freunden austauschen, die ebenfalls bereits Großeltern sind, wie sie darüber denken und wie sie es handhaben. Denen werde ich das Buch schenken, nicht der Mutter meiner Enkelin! Und bei mir, wenn die Kleine mich besuchen kommt, werde ich versuchen, neutrale Ersatzsachen zu haben zum Anziehen und eben entsprechendes Spielzeug. Ich bin gespannt.

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